Dr. med. Khalifa El Malki

1. Leukämien gehören zu den häufigsten Krebserkrankungen im Kindesalter. Bei der akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL), der häufigsten Form, können heute sehr viele Kinder und Jugendliche langfristig geheilt werden. Welche Faktoren haben zu den heute guten Heilungschancen beigetragen?

„Die Behandlungsergebnisse haben sich durch die kontinuierliche Verbesserung der Therapieprotokolle in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Insbesondere in den letzten zehn Jahren haben zusätzlich neue Therapieansätze wie die CAR-T-Zell-Therapie oder Antikörpertherapien zu weiteren Fortschritten beigetragen.

Dies gilt insbesondere für die B-Vorläufer-ALL, die häufigste Form der akuten lymphoblastischen Leukämie im Kindesalter. Andere Leukämieformen – etwa die T-ALL als weitere ALL-Form oder die AML – profitieren zwar ebenfalls von einer zunehmend individualisierten Therapie, sind aber nach wie vor schwieriger zu heilen.

Positiv zu bewerten ist zudem, dass die Diagnostik immer weiter verfeinert wurde. Dadurch lässt sich die Erkrankung heute genauer einordnen, und die Risikoeinschätzung bei den verschiedenen Leukämieformen wird zunehmend präziser.“

2. Gibt es Forschungsansätze, die am Kinderonkologischen Zentrum in Mainz eine besondere Rolle spielen?

„Die B-Vorläufer-ALL lässt sich heute unter anderem deshalb gezielter behandeln, weil die Leukämiezellen häufig CD19 tragen. CD19 ist ein Oberflächenmolekül auf B-Zellen und vielen B-ALL-Leukämiezellen. Es dient als Zielstruktur für Immuntherapien: CAR-T-Zellen oder spezifische Antikörper können so ausgerichtet werden, dass sie CD19-positive Leukämiezellen erkennen und bekämpfen.

Obwohl CD19 bei der B-ALL sehr häufig vorkommt, gibt es Fälle, in denen die Leukämiezellen CD19 nicht oder nach einer Therapie nicht mehr ausreichend aufweisen. Auch Rezidive können CD19-negativ sein. In Mainz haben wir uns mit solchen Fällen intensiv befasst, um besser zu verstehen, warum bestimmte Leukämiezellen CD19 verlieren oder veränderte CD19-Varianten aufweisen und welche therapeutischen Konsequenzen sich daraus ergeben.

Ein Schwerpunkt unserer Forschung ist es, die Identifikation und Auswahl von Patient*innen für bestimmte Therapieformen weiter zu verbessern und frühzeitig alternative therapeutische Zielstrukturen wie z.B. CD22 zu berücksichtigen. Ziel ist es, Patient*innen möglichst individuell einer sinnvollen und erfolgversprechenden Therapie zuzuführen.“

3. Gibt es bei einer schlechten Prognose oder einem Rezidiv neue Erkenntnisse beziehungsweise neue Wege der Heilung?

„Ja und nein. Vor rund 20 bis 30 Jahren waren die therapeutischen Möglichkeiten bei einem Rezidiv deutlich begrenzter. Heute ist das zum Glück anders. Man kann sich die heutige Situation wie eine Art Werkzeugkasten mit verschiedenen Instrumenten vorstellen, aus denen wir für jede Patient*in die individuell geeignete Therapie finden müssen, wenn ein Rezidiv auftritt oder eine besonders ungünstige Prognose vorliegt.

Nehmen wir zum Beispiel eine Patientin, die schlecht auf die Standard-Chemotherapie angesprochen hat. Heute können wir in bestimmten Situationen auch durch eine Stammzelltransplantation eine Heilung erreichen. Nehmen wir nun an, dass bei dieser Patientin verschiedene Faktoren dazu führen, dass eine Stammzelltransplantation mit vorangehender intensiver Konditionierungstherapie zu risikoreich oder nicht möglich wäre. Dann können wir dank unseres erweiterten Werkzeugkastens alternative Optionen nutzen, zum Beispiel die CAR-T-Zell-Therapie oder andere immuntherapeutische Ansätze.

Wir haben heute also die Möglichkeit, aus verschiedenen Therapieoptionen zu wählen – das gab es in dieser Form vor 30 Jahren noch nicht. Die Frage lautet heute deshalb häufig nicht mehr nur, welche Therapie grundsätzlich infrage kommt, sondern auch: In welcher Reihenfolge sind welche Therapiekombinationen für welchen Patienten sinnvoll?“

4. Immer mehr junge Patient*innen überleben ihre Blutkrebserkrankung langfristig. Welche Herausforderungen ergeben sich hinsichtlich möglicher Spätfolgen für die Survivor, also Langzeitüberlebende?

„Von den Medikamenten, die schon seit Jahrzehnten zur Behandlung von Leukämien eingesetzt werden, wissen wir, dass bestimmte Spätfolgen auftreten können – etwa Herzschädigungen, Zweitmalignome oder endokrinologische Probleme. Was wir noch nicht ausreichend wissen, ist, wie sich neuere Therapieansätze wie die CAR-T-Zell-Therapie langfristig auf die Patient*innen auswirken. Dazu fehlen uns schlichtweg noch Langzeitdaten. Genau deshalb sind Datensammlung und -erfassung so wichtig.

Als Onkolog*innen möchten wir nicht nur die Erkrankung heilen. Wir möchten für unsere kleinen und größeren Patient*innen auch eine bestmögliche Lebensqualität erreichen. Deshalb stehen wir heute vor der Frage: Können wir die Therapieregime so verändern, dass wir die toxische Belastung durch intensive Medikamente und hochwirksame Zytostatika reduzieren, ohne dabei die Heilungschancen zu schmälern?

Das ist vielfach eine Gratwanderung und eine Herausforderung, vor der wir heute und in Zukunft stehen. Wir hoffen, dass neue Therapieoptionen wie Immuntherapien langfristig dazu beitragen können, klassische Chemotherapie-Toxizitäten zu reduzieren. Gleichzeitig haben auch Immuntherapien eigene Nebenwirkungsprofile. Deshalb müssen wir ihre langfristigen Auswirkungen sorgfältig erfassen und auswerten.

Die praktische Langzeitnachsorge hat durch die verbesserten Heilungschancen zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Wir begleiten sehr junge Menschen bis ins Erwachsenenalter und versuchen, Lösungen zu finden, wenn es zu Spätfolgen kommt – indem wir da sind, zuhören, ihre Anliegen ernst nehmen, sie medizinisch kontrollieren und versorgen.

Diese Aufgabe endet nicht mit dem Abschluss der Intensiv- und Erhaltungstherapie, sondern besteht langfristig fort. Wir arbeiten unermüdlich daran, für unsere jungen Patient*innen heute und in Zukunft eine möglichst hohe Lebensqualität zu erreichen.“

Blutkrebs im Kindesalter – kurz erklärt

Blutkrebs bezeichnet meist Leukämien. Dabei vermehren sich unreife, krankhaft veränderte Blutzellen im Knochenmark und verdrängen die gesunde Blutbildung.

Leukämien gehören zu den häufigsten Krebserkrankungen im Kindesalter und machen etwa ein Drittel aller Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen aus.

Die akute lymphoblastische Leukämie, kurz ALL. Sie macht etwa 80 Prozent der Leukämien bei Kindern und Jugendlichen aus.

Typisch sind keine einzelnen eindeutigen Beschwerden, sondern eine Kombination aus Müdigkeit, Blässe, Fieber, Infektanfälligkeit, Blutungen, blauen Flecken sowie Knochen- oder Gelenkschmerzen.

Die Therapie erfolgt in spezialisierten kinderonkologischen Zentren. Grundlage ist meist eine intensive Chemotherapie; je nach Situation kommen Antikörpertherapien, CAR-T-Zell-Therapie, Bestrahlung oder Stammzelltransplantation hinzu.

Bei der ALL können heute etwa 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen langfristig geheilt werden.

Weil manche Kinder nicht ausreichend auf die Therapie ansprechen, Rückfälle auftreten können und Langzeitfolgen weiter reduziert werden sollen. Ziel ist: heilen — und dabei Lebensqualität erhalten.

Wer gesund ist und die Voraussetzungen erfüllt, kann Blut spenden oder sich als Stammzellspender*in registrieren lassen. Beides kann für krebskranke Kinder wichtig sein. Auch Geldspenden, ehrenamtliches Engagement und Aufklärung helfen, betroffene Familien zu unterstützen und wichtige Projekte in Klinik, Forschung und Nachsorge zu ermöglichen.