Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 2.300 Kinder und Jugendliche neu an Krebs. Allein in unserer Region sind es rund 100 neue Fälle jährlich. Krebs kennt kein Alter – und wenn ein Kind an Krebs erkrankt, betrifft es die ganze Familie. Plötzlich steht das Leben Kopf, der gewohnte Alltag wird von Krankenhausaufenthalten, Therapieplänen und Terminen bestimmt. Hoffnung macht den Familien die heute häufig gute Prognose: Rund 85 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen überleben ihre Krebserkrankung langfristig.
Schon rund um das Jahr 2000 lag die 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit dank wissenschaftlicher Fortschritte, standardisierter Behandlungsprotokolle und kontinuierlich weiterentwickelter Therapien bei rund 80 Prozent. Viele der Kinder, die damals eine Krebserkrankung überstanden haben, gehören heute zu den sogenannten Long-Term Survivors. Ihre Geschichten machen Mut und zeigen, welches Leben nach einer Krebserkrankung folgen kann. So auch Annikas Geschichte: Mit 12 Jahren erkrankte sie an Leukämie, der häufigsten Krebsart im Kindesalter. Heute ist die 38-Jährige selbst Ärztin. Anlässlich des Childhood Cancer Awareness Months haben wir mit Annika gesprochen – über ihre Erkrankung, über Hoffnung und darüber, an Träumen und Zielen festzuhalten.
Es ist das Jahr 2000 – Annika besucht die 7. Klasse, verbringt Zeit mit ihren Freunden, liebt Lesen und Handarbeit. Für Annika ist es ein ganz normaler Teenageralltag – doch dann tun ihr plötzlich immer häufiger die Arme weh und sie wirkt blass und zunehmend abgeschlagen. Vielleicht Wachstumsschmerzen? Vielleicht ein Infekt? Als die Schmerzen nicht weggehen, geht Annika mit ihren Eltern zum Kinderarzt – es folgen weitere Untersuchungen und dann steht ein ernster Verdacht im Raum: Leukämie.
„Ich wurde daraufhin am Kinderonkologischen Zentrum der Universitätsmedizin Mainz aufgenommen“, erinnert sich Annika. „Dort bestätigte sich der Verdacht. Bei mir wurde eine akute lymphatische Leukämie (ALL) diagnostiziert.“ Aufgrund verschiedener Risikofaktoren, zu denen auch ihr für eine ALL vergleichsweise höheres Alter zählt, wird Annika einer Hochrisikogruppe zugeordnet. Es folgen Krankenhausaufenthalte und eine Behandlung mit Chemotherapie, die zunächst gut anschlägt. Die Erkrankung geht zurück, Annika geht wieder zur Schule und der Alltag kehrt ein. Die Zeit der Krankheit scheint hinter ihr zu liegen – bis 2004 der Albtraum von Neuem beginnt.
„Ich war gerade in die Oberstufe gewechselt und habe mich auf diese Zeit so sehr gefreut – dann kam das Rezidiv“, erzählt Annika. Wieder wird sie mit Chemotherapie behandelt und zunächst scheint auch der Rückfall überstanden. Annika durchläuft die Oberstufe – in der 13. Klasse folgt der erneute Schock: Die Leukämie ist wieder zurück und betrifft das zentrale Nervensystem und die Eierstöcke.
„Ich wollte so gerne mein Abitur gemeinsam mit meinen Freunden machen“, sagt Annika. „Dass ich erneut erkrankt war, das hat mich wirklich schwer getroffen – zumal klar war, dass es dieses Mal nicht bei einer Chemotherapie bleiben und die Behandlung weitaus intensiver werden würde.“
Und so folgen erneut Chemotherapie sowie eine zusätzliche Bestrahlung und eine Stammzelltransplantation in einer spezialisierten Klinik in Frankfurt. „Ich hatte mir ein Ziel gesetzt, an dem ich in dieser Zeit festgehalten habe und das mir die Motivation und Kraft gegeben hat, durchzuhalten und weiterzumachen: Ich wollte unbedingt das Abitur schaffen und mit meinen Freunden den Schulabschluss feiern.“Ge
Gelernt habe sie in der Klinik, erinnert sich Annika. In Frankfurt gab es eine Mitarbeiterin, die französische Muttersprachlerin war – mit ihr unterhielt sich Annika regelmäßig, um an ihren Sprachkenntnissen zu feilen und fit fürs Abi zu sein. Sie lernte zwischen Behandlungen und Klinikalltag weiter, mit dem klaren Ziel, nicht nur die Krankheit zu überstehen, sondern auch ihr selbst gestecktes Ziel „Abitur“ zu erreichen. „Obwohl ich aufgrund der Behandlung im Jahr 2006 keinen einzigen Tag in der Schule verbracht hatte, habe ich im Frühjahr 2007 mein Abitur gemacht – gemeinsam mit meinen Freunden, so wie ich es mir gewünscht hatte. Meine Freunde und Familie haben mich dabei immer unterstützt.“
2009 folgt ein weiteres Rezidiv. Weitere Kliniken werden beratend in den Fall mit einbezogen und Annika bekommt eine andere Art von Chemotherapie sowie eine erneute Bestrahlung. Seitdem ist kein weiteres Rezidiv aufgetreten.
2026
26 Jahre ist es nun her, dass Annika zum ersten Mal die Diagnose Kinderkrebs erhielt. Über neun Jahre hinweg prägten Erkrankung, Therapie und insgesamt drei Rezidive immer wieder ihr Leben – ein Leben zwischen Alltag, Schule und Krankenhaus. Annikas Geschichte ist ein mutmachendes Beispiel dafür, wie wichtig Hoffnung, persönliche Ziele und die Unterstützung durch Familie und Freund*innen in einer so schweren Zeit sein können.
Heute ist Annika 38 Jahre alt – und selbst Ärztin. Der Wunsch, Medizin zu studieren, hat sich dabei eher mit der Zeit ergeben – Annika wollte einer Arbeit nachgehen, mit der sie anderen Menschen helfen kann. Als Hausärztin ist sie heute in ihrer Heimatregion in der Nähe von Bad Kreuznach tätig.
Mit ihrer Krankheitszeit verbindet Annika nicht nur negative Erinnerungen: „Natürlich waren die Untersuchungen und Nebenwirkungen der Chemotherapie nicht schön. Vor den Lumbalpunktionen hatte ich jedes Mal Angst“, erinnert sich Annika. „Aber es gab auch viel Schönes, an das ich mich erinnere. Ich habe am Kinderonkologischen Zentrum immer gerne mit den Pflegekräften gespielt und mich mit ihnen ausgetauscht, als ich älter wurde. Bei der Erstdiagnose habe ich noch viel Zeit mit den anderen Patient*innen im Spielzimmer verbracht, später habe ich jüngeren Patient*innen auf der Station Nachhilfe gegeben und mich darüber gefreut, dass ich mich nützlich machen und helfen konnte. Und ich habe Freundschaften geschlossen – eine davon besteht bis heute.“
Auf die Frage, welchen Rat sie jungen Patient*innen am Kinderonkologischen Zentrum in Mainz geben würde, antwortet die Ärztin: „Versucht positiv zu bleiben! Setzt euch Ziele, haltet an euren Träumen fest und verliert nicht euer Lachen und die Hoffnung. „Umgebt euch mit den Menschen, die euch viel bedeuten, denn sie spenden euch Kraft, auch wenn es sich anfühlt, als würde die eigene zur Neige gehen. Meine Familie und Freunde sind meine größte Stütze und mein Antrieb gewesen.“
Vielen Dank, liebe Annika, dass du uns deine Geschichte erzählt hast, für deine Offenheit und deinen Mut!


